884.000 Euro für eine symbolische Steuersenkung und Grundschulkinder zahlen den Preis
Was ist uns als Stadt eigentlich wichtiger:
dass Unternehmen im Jahr ein paar hundert Euro weniger Gewerbesteuer zahlen oder dass Grundschulkinder unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern an Bildung, Kultur und gemeinschaftlichem Lernen teilnehmen können?
Genau diese Frage stellt sich aktuell in Essen.
Die Stadt senkt den Gewerbesteuer-Hebesatz um einen einzigen Punkt und verzichtet damit auf 884.000 Euro Einnahmen pro Jahr. Gleichzeitig streicht sie eine vergleichsweise kleine, aber hoch wirksame Leistung: kostenlose Bus- und Bahntickets für Grundschulklassen bei Schul- und Kulturausflügen.
Das eine wird als „Standortpolitik“ verkauft. Das andere trifft Kinder, Familien und Schulen direkt und verschärft soziale Ungleichheit.
Dieser Blogbeitrag ordnet ein:
warum diese Entscheidung keine zwingende Haushaltsnotwendigkeit ist,
weshalb sie wirtschaftlich kaum Wirkung entfaltet,
und warum sie sozialpolitisch die falschen trifft.
Denn eine Stadt wird nicht attraktiv durch symbolische Steuersignale. Sie wird attraktiv, wenn sie funktioniert und zwar für Menschen, für Familien, für Beschäftigte und für Unternehmen.
Was ist passiert?
Die Stadt Essen senkt den Gewerbesteuer-Hebesatz um einen Punkt. Von 480 auf 479. Die Stadt beziffert den Einnahmeverzicht auf 884.000 Euro pro Jahr.
Gleichzeitig wird eine vergleichsweise kleine, aber hoch wirksame Leistung gestrichen: kostenlose Bus- und Bahntickets für Grundschulklassen für kulturelle und schulische Ausflüge.
Das bedeutet konkret:
Grundschulkinder sollen künftig für Ausflüge zahlen, Eltern werden zusätzlich belastet, Schulen stehen vor der Frage, wie sie Teilhabe organisieren, wenn nicht alle Familien mitziehen können.
Diese Entscheidung ist relevant, weil sie nicht isoliert steht. Sie reiht sich ein in eine Serie von Maßnahmen, bei denen Einsparungen bei Bildung, Teilhabe und sozialer Infrastruktur vorgenommen werden, während gleichzeitig symbolische Standortpolitik betrieben wird.
Die Kernfrage lautet:
Was macht eine Stadt wirklich attraktiv, für Unternehmen, für Beschäftigte, für Familien?
Lasst uns mal genauer hinschauen!
Symbolische Standortpolitik statt wirksamer Standortentwicklung
Der durchschnittliche Gewerbesteuer-Hebesatz in Deutschland liegt deutlich unter dem Essener Niveau. Auch nach der Senkung bleibt Essen weit über dem Bundesdurchschnitt.
Ein einzelner Prozentpunkt verändert diese Lage nicht. Für Unternehmen bedeutet das (je nach Gewinn) Einsparungen im zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Eurobereich pro Jahr.
Das ist kein wirtschaftlicher Gamechanger. Es ist noch nicht mal ein Signal und ganz weit weg von einem wirksames Instrument.
Gleichzeitig verzichtet die Stadt bewusst auf Einnahmen, ohne dass ein messbarer Standortvorteil entsteht.
Fehlende Priorisierung bei knappen Mitteln
Die Streichung der kostenlosen Schulausflug-Tickets wird nicht transparent begründet. Es gibt keine öffentlich nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Abwägung.
Rechnet man konservativ, liegen die jährlichen Kosten für dieses Angebot bei rund 110.000 bis 120.000 Euro:
ca. 23.000 bis 24.000 Grundschulkinder
rund 900 bis 950 Klassen
zwei Fahrten pro Jahr
ca. 60 Euro pro Klasse und Fahrt
Im Verhältnis zum Gewerbesteuer-Einnahmeverzicht von 884.000 Euro ist das ein Bruchteil. Die Entscheidung ist daher keine zwingende Haushaltsnotwendigkeit, sondern eine politische Prioritätensetzung.
Strukturelle Altlasten und politische Kurzfristlogik
Essens Haushaltslage ist das Ergebnis jahrzehntelanger struktureller Probleme:
hohe Pflichtausgaben im Sozialbereich
unterfinanzierte Aufgabenübertragung durch Bund und Land
Altschulden aus dem Strukturwandel
steigende Kosten für Personal, Energie und Betrieb
Diese Probleme lassen sich nicht mit Symbolpolitik lösen. Stattdessen werden kurzfristig sichtbare Maßnahmen gewählt, während die sozialen Folgekosten ausgelagert werden, auf Familien, Schulen und Beschäftigte.
Verantwortung liegt hier nicht bei einzelnen Personen, sondern bei einer politischen Logik, die Wirkung mit Signal verwechselt.
Was könnten Lösungsansätze sein?
Eine andere Prioritätensetzung ist möglich und realistisch.
Rückkehr zu evidenzbasierter Haushaltspolitik
Transparente Darstellung der Ist-Kosten für Schulausflüge im Jahresabschluss
Offenlegung der betroffenen Haushaltsprodukte
Klare politische Abwägung: geringe Kosten, hohe soziale Wirkung
Bildung und Teilhabe als Standortfaktor begreifen
Für Unternehmen ist entscheidend:
dass Beschäftigte pünktlich zur Arbeit kommen
dass Betreuung und Schule verlässlich funktionieren
dass Kinder gut begleitet aufwachsen
dass soziale Spannungen nicht weiter verschärft werden
Eine Stadt, die Familien entlastet, entlastet auch Arbeitgeber.
Symbolpolitik beenden, Wirkung priorisieren
Wenn die Stadt bereit ist, 884.000 Euro für ein kaum messbares Steuersignal aufzuwenden, muss sie auch bereit sein, kleine Beträge mit großer Wirkung zu sichern:
Mobilität für Kinder
kulturelle Bildung
soziale Teilhabe unabhängig vom Einkommen der Eltern
Das ist kein Luxus! Das ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende Stadt! Ohne Ausrede!
Wie machen es andere erfolgreich?
In mehreren europäischen Städten wird Bildung explizit als kommunaler Standortfaktor verstanden.
Beispiele:
Finnland: Kostenfreie Mobilität für Schülergruppen im Bildungszusammenhang, zentral finanziert, unabhängig vom Einkommen der Eltern.
Wien: Öffentlicher Nahverkehr für Kinder und Jugendliche stark subventioniert, gekoppelt an Bildung und soziale Teilhabe.
Barcelona: Kommunale Bildungsbudgets sichern kulturelle Exkursionen als festen Bestandteil des Schulalltags.
Gemeinsamkeit:
Bildungsausgaben werden nicht als Kosten, sondern als Investitionen bewertet.
Mobilität wird als Voraussetzung für Teilhabe verstanden.
Kommunale Haushalte priorisieren Wirkung vor Symbolik.
Wie sehe es für Essen aus?
Wiedereinführung der kostenfreien Schulausflug-Tickets als Teil eines kommunalen Bildungsbudgets
Verankerung im Haushalt mit klarer Zieldefinition
Evaluierung der Wirkung, nicht nur der Kosten
Kombination mit verlässlicher ÖPNV-Strategie für Familien und Beschäftigte
Mahl ehrlich!
Essen wird nicht attraktiver, weil Unternehmen im Jahr 200 oder 300 Euro sparen. Essen wird attraktiver, wenn Menschen hier gerne leben, arbeiten und ihre Kinder großziehen.
Eine Stadt, die bei Grundschulkindern spart, während sie symbolische Steuersignale setzt, handelt nicht zukunftsorientiert.
Zukunft entsteht dort, wo Teilhabe gesichert, Infrastruktur verlässlich und Politik am Alltag der Menschen ausgerichtet ist.
Das ist keine Frage des Geldes.
Es ist eine Frage der Haltung.