Warum Demokratie für junge Menschen zwischen Radikalisierung und Resignation steht
Wir hören in Gesprächen mit jungen Menschen immer wieder denselben Satz: „Politik? Das bringt doch sowieso nichts.“
Und gleichzeitig erlebe ich etwas völlig anderes: junge Menschen, die informiert sind, die über Klimapolitik diskutieren, über Krieg in Europa, über soziale Gerechtigkeit, über Migration und über Wirtschaft.
Die Daten bestätigen diesen Eindruck. Die Shell-Jugendstudie zeigt seit einigen Jahren: Das politische Interesse der 12- bis 25-Jährigen ist deutlich gestiegen. Junge Menschen sind nicht apathisch, sie sind wach, sie sind sensibel für gesellschaftliche Entwicklungen und sie beobachten sehr genau.
Und trotzdem wächst parallel ein Gefühl von Ohnmacht.
Wie passt das zusammen?
Politische Information im 15-Sekunden-Takt
Ein Großteil politischer Inhalte wird heute über Social Media konsumiert. Laut JIM-Studie beziehen über 70 Prozent der Jugendlichen politische Informationen primär über Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube.
Das Problem ist nicht, dass junge Menschen sich digital informieren. Das Problem ist die Struktur dieser Räume.
Algorithmen priorisieren Emotionalität.
Empörung erzeugt Reichweite.
Komplexität verliert gegen Zuspitzung.
Politische Inhalte erscheinen zwischen Tanzvideos, Lifestyle-Tipps und Werbung, oft verkürzt, kontextlos und moralisch aufgeladen. Die Differenzierung fehlt, der Aushandlungsprozess fehlt und der Widerspruch fehlt.
Demokratie aber lebt vom Widerspruch.
Wenn politische Meinungsbildung in Form von 15-Sekunden-Clips stattfindet, entsteht leicht der Eindruck, komplexe Probleme hätten einfache Lösungen. Wer laut ist, wirkt entschlossen. Wer differenziert argumentiert, wirkt unsicher.
Das verzerrt Wahrnehmung.
Zwischen Zugehörigkeit und Orientierung
Ich erinnere mich an meine eigene Jugend, auch damals gab es politische Extreme. Auch damals gab es das Bedürfnis, dazuzugehören und wenn ich ehrlich bin: Ich wusste oft nicht, wo ich eigentlich stand. Man orientiert sich an Gruppen, an Freundeskreisen und ja auch an Stimmungen.
Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis.
Radikalisierung entsteht selten aus theoretischer Ideologie, sie entsteht oft aus sozialer Dynamik. Wer sich gesehen fühlt, bleibt und wer sich ausgeschlossen fühlt, sucht neue Räume.
Heute laufen diese Prozesse digital beschleunigt ab.
Und gleichzeitig stehen viele Jugendliche unter enormem Druck. Studien der WHO zeigen, dass ein erheblicher Anteil junger Menschen in Europa von psychischer Belastung betroffen ist. Auch deutsche Krankenkassen berichten seit Jahren über steigende problematische Social-Media-Nutzung.
Wenn sich Vergleichsdruck, Zukunftsangst und politische Komplexität mischen, entsteht eine gefährliche Konstellation: Radikalisierung als Ventil oder Resignation als Rückzug. Beides ist demokratieschädlich.
Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit
Parallel zeigt das Edelman Trust Barometer seit Jahren einen Vertrauensverlust in politische Institutionen in vielen westlichen Demokratien. Auch in Deutschland ist das Vertrauen in staatliche Akteure nicht stabil.
Ist dieses Misstrauen irrational?
Nicht zwingend. Wer politische Prozesse nur als Machtspiel wahrnimmt, wer Entscheidungen nicht nachvollziehen kann, wer das Gefühl hat, Beteiligung bleibe folgenlos, entwickelt Distanz und Distanz ist der Nährboden für Polarisierung.
Demokratie ist formal korrekt, wenn Mehrheiten entscheiden. Aber demokratische Kultur entscheidet sich im Erleben.
Werde ich gehört?
Wird mein Argument ernsthaft geprüft?
Sehe ich, wie Entscheidungen zustande kommen?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, entsteht Frust.
Die eigentliche Herausforderung
Das politische Interesse junger Menschen ist da, die Informationszugänge sind da und die Beteiligungsformate sind formal ebenfalls da.
Und trotzdem stehen viele zwischen zwei Extremen:
Radikale Vereinfachung
Vollständiger Rückzug
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Warum interessieren sich junge Menschen nicht für Politik?“
Sondern: Wo erleben junge Menschen echte Selbstwirksamkeit?
Denn Forschung zur politischen Sozialisation zeigt klar: Stabile demokratische Haltungen entstehen dort, wo Menschen reale Mitgestaltung erfahren. Nicht symbolische Beteiligung, nicht Projektwochen ohne Folgen, sondern konkrete Verantwortung.
Demokratie beginnt nicht im Wahlakt. Sie beginnt im Erleben.
Und jetzt?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns als politische Akteure eine unbequeme Frage stellen:
Bieten wir jungen Menschen Räume, in denen sie konstruktiv mitgestalten können oder überlassen wir die Meinungsbildung Algorithmen?
Die nächste Diskussion darf nicht nur um Altersgrenzen für Social Media kreisen. Sie muss um demokratische Erfahrungsräume kreisen.
Was brauchen junge Menschen konkret?
Verbindliche Beteiligung mit Budget?
Transparente Entscheidungsprozesse?
Politische Bildung, die Debattenfähigkeit trainiert?
Offene Dialogformate, die nicht in Protokollen verschwinden?
"Ich bin überzeugt: Wenn junge Menschen erleben, dass ihre Ideen sichtbare Wirkung entfalten, sinkt die Anfälligkeit für Radikalisierung. Und die Versuchung zur Resignation wird kleiner." Mandy Hindenburg, Ratsfrau
Die Frage ist nicht, ob wir Demokratie erklären müssen. Die Frage ist, ob wir sie erlebbar machen.
Was denkst du?
Wo fehlen echte Beteiligungsräume?
Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht?
Und was müsste sich konkret ändern, damit junge Menschen nicht zwischen Empörung und Ohnmacht wählen müssen?
Im nächsten Teil dieser Reihe geht es genau darum: Welche Rolle kann kommunale Politik spielen, wenn Beteiligung echte Folgen hat und nicht nur gut klingt.