Kultur braucht Klarheit

Warum Essens Zukunft von Transparenz und Mut abhängt

7. Mai 2026

Es war einer dieser Momente, in denen man sich fragt, ob man wirklich in der richtigen Stadt lebt. Eine dieser Situationen, in denen man als Stadträtin vor Bürgern steht, die voller Ideen und Tatendrang sind, und dann diese eine Frage kommt: „Aber Mandy, wie soll das denn funktionieren? Bei uns in Essen dauert doch alles ewig. Wenn ich einen Antrag stelle, heißt es immer: Mindestens vier Jahre Bearbeitungszeit. Wie soll ich da innovativ sein? Wie soll ich da mit der Zeit gehen?“ Und dann schaut man in Gesichter, die nicht wütend sind, sondern einfach nur müde. Müde davon, immer wieder gegen Windmühlen zu kämpfen. Müde davon, dass die Stadt, die sie lieben, sie im Stich lässt.

Das ist das Essen, das ich kenne. Das Essen, in dem gute Ideen oft an bürokratischen Hürden scheitern, in dem Transparenz ein Fremdwort zu sein scheint und in dem die Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgern manchmal so holprig ist, dass man sich fragt, ob man nicht doch woanders sein Glück versuchen sollte. Doch genau hier, in dieser Frustration, liegt auch die Chance. Denn wenn wir eines in den letzten Wochen gelernt haben, dann das: Die Essener:innen wollen etwas bewegen. Sie können etwas bewegen. Und sie werden etwas bewegen, wenn wir ihnen die Werkzeuge dazu geben.

Die Debatte um die angeblichen Kürzungen in der Essener Kulturszene hat das einmal mehr gezeigt. Zuerst der Aufschrei: Zehn bis zwölf Prozent weniger für die freie Szene, existenzbedrohende Einschnitte, eine Petition, die innerhalb kürzester Zeit Tausende Unterschriften sammelt. Und dann die eigendliche Tatsache, in der Sitzung des Kulturausschusses am 28. Januar, war die Klarstellung von Beigeordnetem Al Ghusain: Nein, für 2026 sind keine Kürzungen geplant. Das Budget von drei Millionen Euro wird gehalten, wenn auch mit Verzögerungen bei der Freigabe. Doch warum dann dieser Hype? Warum diese Verunsicherung?

Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie in dieser Stadt kommuniziert wird. Oder besser gesagt: wie nicht kommuniziert wird. Die Stadt Essen hat ein systemisches Problem mit Transparenz. Ein Problem, das sich nicht nur in der Kulturförderung zeigt, sondern in fast allen Bereichen des städtischen Lebens. Wer schon einmal einen Antrag gestellt hat, sei es für eine Gewerbeanmeldung, eine Ummeldung oder eine einfache Anfrage, kennt die Standardantwort: „Bitte schreiben Sie uns keine E-Mails und rufen Sie uns nicht an, weil das verzögert nochmal alles.“ Eine Antwort, die nicht nur frustrierend ist, sondern die Bürger:innen auch noch selbst davon abhält, nachzufragen. Eine Antwort, die Misstrauen sät und das Gefühl verstärkt, dass man als Bürger:in dieser Stadt einfach nicht ernst genommen wird.

Und dann wundern wir uns, warum die Leute laut werden. Warum sie Petitionen starten, warum sie auf die Straße gehen. Sie tun es, weil sie das Gefühl haben, dass sie sonst nicht gehört werden. Und das Schlimmste daran? Sie haben recht. Denn wenn die Stadt nicht proaktiv informiert, wenn sie nicht klar sagt, was Sache ist, dann bleiben nur Gerüchte, Halbinformationen und am Ende der Aufschrei. So wie jetzt.

Doch die Geschichte hat auch eine andere Seite. Denn während die einen noch über die angeblichen Kürzungen für 2026 diskutierten, wurde bereits klar: Die eigentliche Gefahr lauert im Doppelhaushalt 2027/28. Dort werden die zehn bis zwölf Prozent Kürzungen wahrscheinlich geplant und diese Tatsache ist durchgesickert oder auch nicht, aber anders kann man sich diese Aussagen doch nicht erklären. Das bedeutet das eigendliche Problem kommt noch. Und wenn wir jetzt nicht handeln, dann wird es in paar Monaten zu spät sein. Dann werden wir zuschauen müssen, wie die freie Szene, die so viel zu Essens kultureller Vielfalt beiträgt, langsam aber sicher zusammenbricht. Das Grend in Steele, das Rabbit Hole Theater, das Kunsthaus Essen, sie alle kämpfen um ihr Überleben. Und sie kämpfen nicht nur gegen finanzielle Engpässe, sondern auch gegen ein System, das ihnen keine Planungssicherheit gibt.

Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, es besser zu machen. Hamburg zum Beispiel veröffentlicht alle Förderentscheidungen online, inklusive Begründung, wer was bekommt und warum. In Berlin gibt es klare Kriterien für die Kulturförderung, die für jeden nachvollziehbar sind. Und in Kopenhagen entscheiden die Bürger:innen selbst mit, wofür ein Teil des Kulturbudgets verwendet wird. Das sind keine utopischen Träume, sondern gelebte Praxis. Und genau das brauchen wir auch in Essen: Transparenz, die den Bürger:innen das Gefühl gibt, dass sie mitgenommen werden. Die ihnen zeigt, dass ihre Steuergelder sinnvoll eingesetzt werden. Die ihnen die Möglichkeit gibt, selbst mitzugestalten.

Denn am Ende geht es nicht nur um Geld. Nein, es geht um Vertrauen. Es geht darum, dass die Menschen in dieser Stadt das Gefühl haben, dass ihre Stimme zählt. Dass ihre Ideen gehört werden. Dass ihre Kultur, ob klassisch oder experimentell, ob traditionell oder avantgardistisch, einen Platz hat. Die AfD hat in der letzten Sitzung wieder gezeigt, dass sie das nicht versteht. Dass sie Kultur nur dann fördert, wenn sie in ihr enges Weltbild passt. Dass sie Projekte wie das FLINTA*-Kollektiv Flintasy oder die Künstlerin Maria Renee einfach abwertet mit dem Satz: „Das ist keine Kultur.“ Doch wer entscheidet das? Wer hat das Recht, zu definieren, was Kultur ist und was nicht?

Wir von Volt Essen haben eine klare Antwort darauf: Kultur ist vielfältig, Kultur ist inklusiv, Kultur ist das, was unsere Stadt lebenswert macht und sie verdient es, gefördert zu werden, transparent und fair. Denn nur so können wir sicherstellen, dass Essen nicht nur eine Stadt mit einer reichen kulturellen Vergangenheit bleibt, sondern auch eine mit einer lebendigen, vielfältigen Zukunft.

Dass das möglich ist, zeigen andere Städte. In Leipzig zum Beispiel gibt es einen Kultur-Sicherungsfonds, der durch die Gewinne der Stadtwerke finanziert wird. In Graz können Bürger:innen Kultur-Gutscheine kaufen, die sie dann bei Kultureinrichtungen einlösen. Und in Wien gibt es mehrjährige Verträge, die den Kulturschaffenden Planungssicherheit geben. Das sind keine revolutionären Ideen. Das sind bewährte Modelle, die funktionieren und die wir auch in Essen umsetzen können, wenn wir den Willen dazu haben.

Denn am Ende geht es nicht nur um die Kultur. Es geht um die Frage, was für eine Stadt wir sein wollen. Eine Stadt, in der Ideen schnell umgesetzt werden können. Eine Stadt, in der Transparenz und Bürgerbeteiligung keine leeren Worte sind, sondern gelebte Realität. Eine Stadt, die ihren Bürger:innen vertraut und die ihnen die Werkzeuge gibt, um selbst etwas zu bewegen. Das ist das Essen, für das wir kämpfen. Das ist das Essen, das wir verdienen.

Und ja, es wird nicht einfach sein. Es wird Widerstand geben. Es wird die geben, die sagen: „Das haben wir immer so gemacht.“ oder „Das geht nicht.“ Aber wir haben keine andere Wahl. Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden wir in zwei Jahren wieder hier stehen. Dann werden wir wieder über Kürzungen diskutieren. Dann werden wir wieder zuschauen müssen, wie die freie Szene langsam aber sicher verschwindet. Und das können wir nicht zulassen.

Denn Essen ist mehr als nur eine Stadt. Essen ist ein Ort, an dem Menschen leben, lieben, lachen und weinen. Ein Ort, an dem Kultur nicht nur stattfindet, sondern gelebt wird und das verdient es, geschützt zu werden. Nicht mit leeren Worten, sondern mit Taten, mit Transparenz und mit Mut. Aber vor allem, mit dem Willen, etwas zu verändern.

Es liegt an uns, jetzt!

Hier kannst du den Bericht zur Ausschusssitzung vom 06.05.2026 nachlesen. Link