Stadtparlamente im Vergleich: Marvins Eindrücke aus Frankfurt und Darmstadt
Autor: Marvin Janssen
Im Rahmen meines Praktikums bei den beiden Volt-Fraktionen in Frankfurt am Main und Darmstadt im September und Oktober 2026 hatte ich die Gelegenheit, jeweils eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung zu besuchen.
Als gebürtiger Bremer, der bislang vor allem die Bremische Bürgerschaft kannte, war das für mich eine interessante Erfahrung. Während in Bremen Landes- und Stadtpolitik in der Bürgerschaft und der Stadtbürgerschaft getrennt behandelt werden, lernte ich in Hessen zwei reine Kommunalparlamente kennen. Dabei wurde schnell deutlich: Obwohl beide Städte ähnliche kommunalpolitische Aufgaben haben, unterscheiden sich ihre Parlamente nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrer politischen Arbeitsweise.
Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung tagt im Römer. Bereits von außen strahlt das historische Gebäude eine gewisse Erhabenheit aus. Dieser Eindruck setzt sich im Sitzungssaal fort: Über der Bank der Sitzungsleitung prangt ein großes Frankfurter Wappen, während die Stadtverordneten an großen Tischen in mehreren Reihen hintereinander sitzen. Die beeindruckende Umgebung vermittelt zunächst den Eindruck eines traditionsreichen und würdevollen Parlaments. Gleichzeitig erschwert die starre Anordnung der Sitzbänke es Außenstehenden, die einzelnen Fraktionen auf Anhieb zu erkennen, da Fraktionen nicht in abgetrennten Gruppen sitzen, sondern sich teilweise Sitzreihen teilen. Wer wissen möchte, wo eine Fraktion sitzt und wo die nächste beginnt, ist deshalb auf eine Sitzordnung angewiesen. Eine Übersicht, die ich zu Beginn der Sitzung erhielt, war für die Orientierung entsprechend hilfreich. Doch nicht nur die Räumlichkeiten hinterließen einen bleibenden Eindruck. Auch die Debatten verliefen anders, als ich es erwartet hatte. Frankfurt verfügt über eine klare Regierungskoalition mit einer Mehrheit im Parlament. Bei den Abstimmungen waren die Mehrheitsverhältnisse daher meist vorhersehbar. Die Regierungsparteien konnten ihre Positionen in der Regel durchsetzen. Dafür boten die Diskussionen umso mehr Spannung. Die politischen Gegensätze wurden deutlich ausgetragen, häufig entlang der Konfliktlinie zwischen links und rechts sowie zwischen Regierung und Opposition. Auch Zwischenrufe gehörten spürbar häufiger zum parlamentarischen Alltag, als ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Als Zuschauer war das durchaus unterhaltsam. Die Debatten waren lebendig, teilweise konfrontativ und machten deutlich, wie stark politische Auseinandersetzungen die Arbeit eines Kommunalparlaments prägen können.
Einen deutlichen Kontrast dazu bot die Stadtverordnetenversammlung in Darmstadt. Sie tagt in einem Saal des Justus-Liebig-Hauses, in dem sich unter anderem die Stadtbibliothek und die Volkshochschule befinden. Statt einer prachtvollen historischen Kulisse erwartete mich ein Raum, der eher an eine Schulaula erinnerte. Die Mitglieder des Magistrats und die Sitzungsleitung sitzen, genau wie in Frankfurt, erhöht – allerdings nicht auf speziellen Podien, sondern auf einer für Mehrzweckhallen typischen Bühne. Die Stadtverordneten wiederum sitzen an kleineren Tischen, die zu Gruppen zusammengestellt sind. Das verstärkt den Eindruck einer Schulaula und lässt den Sitzungssaal im Vergleich zum Römer deutlich bescheidener wirken. Auch hier fiel die Orientierung nicht leicht. Die Tische der Fraktionen sind im Raum verteilt, sodass sich die politische Sitzordnung nicht unmittelbar erschließt. Anders als in Frankfurt lag das allerdings weniger an einer starren Anordnung großer Tischreihen als an der räumlichen Verteilung der einzelnen Fraktionen. Besonders interessant fand ich jedoch die politischen Verhältnisse. Anders als in Frankfurt gibt es in Darmstadt keine klare Regierungskoalition mit einer festen Mehrheit der Sitze. Hinzu kommt eine ungewöhnliche Fraktionskonstellation bei der Fraktion “KADA”, in der politische Positionen unterschiedlicher Richtungen zusammenkommen. Die Aufhebung des Fraktionszwangs dieser einen Fraktion eröffnet dabei zusätzliche Möglichkeiten für abweichende Abstimmungen. Das Ergebnis ist, dass Abstimmungen durchaus zum Nervenkitzel werden können. Vor einer Entscheidung ist nicht immer klar, welche Stadtverordneten einem Antrag zustimmen oder ihn ablehnen werden. Feste Mehrheiten sind weniger selbstverständlich, und politische Unterstützung muss je nach Thema erarbeitet werden. Dazu stimmt sich die Volt-Fraktion im Vorfeld mit anderen Fraktionen ab und auch die Ausschüsse werden für thematische Zusammenarbeit genutzt. Überrascht hat mich dabei vor allem die Atmosphäre. Trotz der komplizierten Mehrheitsverhältnisse und der potenziellen Konflikte verliefen die Debatten, die ich miterlebte, vergleichsweise friedlich. Ich hatte erwartet, dass eine derart unübersichtliche politische Konstellation häufiger zu Streit führen würde. Stattdessen entstand der Eindruck, dass politische Auseinandersetzungen auch ohne besonders konfrontative Debatten geführt werden können.
Der Vergleich der beiden Stadtverordnetenversammlungen hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Kommunalpolitik selbst innerhalb desselben Bundeslandes organisiert und erlebt werden kann. Frankfurt beeindruckt durch seine historische Umgebung, klare Mehrheitsverhältnisse und eine ausgeprägt konfrontative Debattenkultur. Darmstadt wirkt dagegen bescheidener und politisch weniger vorhersehbar. Gerade die wechselnden Mehrheiten machen die Abstimmungen dort spannend und vermitteln den Eindruck eines Parlaments, in dem einzelne Stimmen und wechselnde Bündnisse eine besondere Bedeutung haben. Am Ende ergänzen sich beide Eindrücke. Frankfurt zeigt, wie lebendig und konfrontativ Kommunalpolitik sein kann, wenn klare politische Lager aufeinandertreffen. Darmstadt verdeutlicht dagegen, dass gerade fehlende feste Mehrheiten neue Dynamiken schaffen können. Beide Parlamente haben mir damit einen Einblick in die Vielfalt kommunalpolitischer Arbeit gegeben und gezeigt, dass es sich lohnt, auch über die eigenen parlamentarischen Erfahrungen hinauszuschauen.